Landschaftspflege ist sinnvoll und notwendig

Beispiel Naturschutzgebiet Kochhartgraben und Ammertalhänge

Landschaftspflegetrupp/Foto: Sabine Wächter

Mitte Juli 2014, Donnerstagvormittag: Steil, rutschig, feucht, kühl. Vier Leute bestückt mit Motorsense, Ohrenschutz, Rechen und in Arbeitskleidung halten im Naturschutzgebiet (NSG) Kochhartgraben und Ammertalhänge 1,5 Hektar Pflanzenwuchs in Zaum. Das gesamte NSG ist in vier topografische Abschnitte gegliedert, auf drei davon weiden regelmäßig Schafe und Ziegen. „Dort wird nur abgeschnitten, was die Tiere nicht wegfressen“, so der hauptamtliche Leiter des Landschaftspflegetrupps Jörg Dessecker.

Auf dem Teilabschnitt bei Hailfingen (Kreis Rottenburg), wo Dessecker mit Unterstützung von drei Helfern gerade arbeitet, geht es darum, den Trockenrasen abzumähen und so die Fläche freizuhalten. Will heißen, die Steilfläche zwischen Bachlauf unten und landwirtschaftlichen Nutzflächen oben muss einmal jährlich gemäht werden. „Nur so verbuscht bzw. verfilzt das nährstoffarme und artenreiche Biotop nicht“, weiß Dessecker. Handarbeit sei angesagt. Vieh, welches Gras und Kräuter fresse, gebe es hier nicht.

„Die Mahd muss vor der Herbstblüte erfolgen. Das verstehen zwar viele Menschen, die an uns vorbeikommen, nicht. Sie wundern sich, dass aus ihrer Sicht noch nicht ganz abgeblühte Wiesen abgemäht werden“, so Dessecker. Doch einen optimalen Zeitpunkt für die Mahd gebe es nicht. „Irgendwas blüht immer. Und wir lassen auch kleine Inseln an Blüten- und kleinen Nektarpflanzen stehen“, erklärt der gelernte Landschaftsgärtner.

Blickt man über die bereits gemähten Abschnitte, sprenkeln bunte Flecken die geschnittene Fläche: Karthäusernelken, Sonnenröschen und Rindsaugen erfreuen das Auge. All die Pracht wächst auf dem kargen Muschelkalkboden, wie er in der Gegend um Rottenburg am Neckar anzutreffen ist. Die regelmäßige Mahd ist jedoch notwendig: „Schwachwüchsige Kräuter oder auch Enzianarten kommen bei verfilzter Wiese nicht an die Oberfläche“, klärt Dessecker auf.

Beeindruckende Artenvielfalt

Der Artenreichtum des Biotops Trockenrasen ist beeindruckend, das gilt vor allem auch für die Fauna. Viele Heuschreckenarten, wie etwa die Rotflügelige Schnarrschrecke, kommen hier vor. Daneben verschiedene Tagfalter und Schmetterlingsarten. „Diese Biodiversität wiederum ist wichtig für die Heckenbewohner am Rande der Trockenrasenflächen“, betont Dessecker. Die Insekten etwa liefern die Nahrung für die Vögel, die in den Feldhecken brüten. Dazu zählen beispielsweise der Neuntöter und Grasmücken. „Im hiesigen Naturschutzgebiet gibt es sogar Rebhühner“, freut sich der Landschaftsexperte. Das liege an den vielen Hecken, die ihnen Schutz böten.

Das insgesamt rund 107 Hektar große Naturschutzgebiet umfasst neben der Trockenrasenvegetation auch Wacholderheiden. Die Gebiete, wo Schafe und Ziegen weiden, müssen zwar nicht abgemäht werden, brauchen aber eine Nachpflege. „Es geht hier um die Entfernung von Stockausschlägen und Gehölzjungwuchs“, erklärt Dessecker. Am besten sei deren Rückschnitt im Sommer. Dann schwäche man die Pflanzen am meisten und nach einigen Jahren komme das Gehölz nicht wieder.

Ohne Mahd oder Rückschnitt würden sich Heckengehölze überall ausbreiten und sich zum Wald hin entwickeln, davon ist Dessecker überzeugt: „Man muss die Flächen freihalten, um die Artenvielfalt, die das Biotop Trockenrasen bietet, zu gewährleisten“.

Dessecker appelliert an alle am Naturschutz Interessierten, sich zu melden, wenn sie Lust haben ehrenamtlich bei Landschaftspflegemaßnahmen mitzuarbeiten. „Es hat viele Vorteile, zum Beispiel kommt man in interessante Schutzgebiete, man erlebt definitiv Natur pur und kann sich immer über sein Tagwerk freuen“, wirbt der Leiter des Landschaftspflegetrupps.

Auch seine drei Unterstützer sind hoch motiviert: Judith Bühler macht gerade ein freiwilliges ökologisches Jahr beim Schwäbischen Albverein. Sie arbeitet gern draußen in der Natur, das gibt ihr ein gutes Gefühl. Jens Kimmerle hat seinen Zivildienst beim Albverein abgeleistet und hilft derzeit aus. Der Geograph findet es toll, bei solchen Pflegemaßnahmen in ganz Württemberg herumzukommen. Ein weiteres Mitglied des Pflegetrupps ist der ehrenamtliche Helfer Matthias Kachler, der sichtlich begeistert mit anpackt.

Das NSG „Kochhartgraben und Ammertalhänge“ ist Gemeindefläche. Die Pflegemaßnahmen wurden durch den Tübinger Gau angestoßen und vom Regierungspräsidium Tübingen in Auftrag gegeben.

Die vier Leute sind jetzt fast fertig, es ist bereits Nachmittag. Der Grünschnitt bleibt nach dem Mähen erst einmal liegen. Er muss trocknen. Denn das Material wird anschließend an wenig einsehbaren Stellen verbrannt. Ein Abtransport des Schnittguts wäre in diesem Gebiet zu aufwändig. Bei vielen anderen Pflegeeinsätzen allerdings wird das Material weggebracht und kompostiert.

Der Pflegetrupp und ehrenamtliche Helfer

Seit Anfang 1993 gibt es beim Schwäbischen Albverein einen hauptamtlichen Landschaftspflegetrupp (ein Landschaftsgärtner und eine zusätzliche Fachkraft). Hinzu kommen zwei Mitarbeiter im Freiwilligen Ökologischen Jahr. Des Weiteren bietet der Schwäbische Albverein im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes drei Stellen an, die dem Landschaftspflegetrupp zugeordnet sind. Zum Aufgabenspektrum des Landschaftspflegetrupps gehören die Unterstützung der Ortsgruppen bei Landschaftspflegemaßnahmen, die Bereitstellung von Geräten und Beratung, die Pflege des eigenen Naturschutzgrundbesitzes sowie das Arbeiten in Schutzgebieten. Zum Teil werden auch Auftragsarbeiten von Naturschutzbehörden und seltener von Gemeinden übernommen.

Kontakt für Interessierte:

Naturschutzreferat Werner Breuninger
Telefon: 07 11 / 2 25 85 – 14
E-Mail:

Terminankündigung:

Großer Landschaftspflegetag im flächenhaften Naturdenkmal „Schallenberg“ bei Aidlingen-Deufringen am 18. Oktober 2014, Beginn 9.30 Uhr

 

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Über swaechter

Ich bin freie Journalistin und also solche für die Pressearbeit des Albvereins/Gesamtverein zuständig. Zur Pressearbeit beim Schwäbischen Albverein gehört beispielsweise die Erstellung von Pressemitteilungen und Texten, die Fotobeschaffung, die redaktionelle Arbeit für die Homepage, die Berichterstattung über vereinsinterne Veranstaltungen und Informationsforen, die Zusammenstellung von Presseunterlagen, die Realisierung von Presseterminen und Pressekonferenzen und die Entwicklung von Presseplänen über das Jahr. Außerdem arbeite ich punktuell für verschiedene Verlage als Redakteurin. Weiterhin mache ich projektbezogene Pressearbeit für Unternehmen, Messen sowie Vereine und Verbände. Meine Schwerpunkte sind Umwelt, Naturschutz, Gesundheit, Tourismus, aber auch Facility Management und Kommunaltechnik.